Was noch

Der Mann den Vera schon seit zwei Jahren nicht mehr küssen möchte, sagt, dass er jetzt geht. Vera säubert in diesem Moment die Küchenablage mit einem gelben Schwamm, den sie eigentlich gestern wegwerfen wollte, sie hält kurz inne in ihrer Bewegung, sie überlegt, ob sie sich zu dem Mann umdrehen soll, sie ist sich sicher, dass sie es nicht machen sollte. Sie dreht sich um.
Der Mann steht im Türrahmen und blickt sie so an, als wäre es an Vera die Situation zu retten. Aber es gibt gar nichts zu retten, denkt Vera, vielleicht gibt es noch nicht mal eine Situation. Ginge das, denkt sie dann weiter, ginge das, das etwas gar keine Situation ist? Ein nichts, obwohl es gerade stattfindet? Ginge das? Sie lässt ihren Nacken knacken, sie hält noch immer den Schwamm in der Hand, kurz lächelt sie. In Ordnung, sagt sie. Ich begleite dich.
Gestern stand der Mann auch schon mal in dem Türrahmen. Das weiß Vera, obwohl sie sich nicht umdrehte. Sie hackte Karotten in kleine Würfeln und der Mann sagte, dass er das noch nie gesehen habe, dass doch Karotten immer in Scheiben geschnitten werden. Vera erklärte, dass sie das von ihrer Großmutter gelernt hatte, dass Karotten in Würfeln schneller gar würden. Vera log. Sie selbst schnitt zum ersten mal Karotten in Würfeln an diesen Abend, sie wunderte sich über sich, da hatte der Mann es noch gar nicht bemerkt. Hatte noch seine Schuhe an und nippte an einem Glas mit einer Langsamkeit, die Vera in den Knochen spürte.
Weißt du noch, fragte der Mann später, als sie die Karottenwürfel aßen, weißt du noch, wie wir in diesem Hotelzimmer standen, du und ich und es gab gar nichts zu sehen? Es war Nacht und ich wollte, dass du bleibst, weißt du noch? Ich blieb nicht, sagte Vera, ohne dass es eine Antwort ist. Ich ging sehr schnell, im Aufzug stand ein Japaner neben mir und ich wünschte mein Name wäre Scarlet und um mich rum Tokio. Aber es war nur eine Stadt, in der ich auch ohne Hotelzimmer einen Schlafplatz hatte. Eine Stadt in der ich nichts von dir wusste, nur Wochen, nur Tage zuvor. Der Mann hatte noch fünf Karottenwürfel auf seinem Teller liegen, er schob sie von links nach rechts, er nickte langsam. Das Nicken hätte alles bedeuten können. Zum Beispiel, dass der Mann gerade etwas verstanden hatte, von dem sich Vera wünschte es nie aussprechen zu müssen. Es hätte auch heißen können, dass der Mann ihr gerade gar nicht zugehört hatte. Vera beschloss eine Hand auf seinen Unterarm zu legen, ein wenig nur, damit er aufhörte, die Karotten hin und her zu schieben, ein wenig um sich selbst sicherer zu fühlen, ein wenig ohne Grund.
Die Hand wog hundert Kilo, sobald sie seinen Hemdärmel berührte, sie reichte nicht, um den ganzen Unterarm zu umfassen und Vera wusste nicht, was sie nun als nächstes mir ihr tun sollte. Weißt du noch, fragte der Mann da, weißt du noch, wie wir uns einmal auf diesem Fest trafen, jemand sang Love is in the Air und es war eine Lüge? Das war es nicht, sagte Vera, ohne dass es eine Antwort ist. Sie nahm einen Karottenwürfel und steckte ihn sich in den Mund. Der Mann griff sich auf den Hinterkopf, er blickte auf Veras Hand auf seinem Arm. Warum bin ich eigentlich hier, fragte er und lachte dann kurz. Lass uns schlafen gehen, sagte Vera da und meinte es auch so.
Vera schlief schlecht neben dem Mann, dessen Füße unter der Decke hervorlugten. Sie beobachtete ihn, wie er ruhig da lag und noch im Schlaf ihre Hand hielt. Vera versuchte sich an das Gefühl zu erinnern, das es früher einmal gab. Gibt es jemand anderen, hatte der Mann bereits im Bett liegend gefragt und Vera hatte den Kopf geschüttelt, hatte gesagt, dass es andere gebe, aber keinen einen anderen. Dass es auch unerheblich ist, dass es albern ist, wie dieser Besuch, wie dieses Gespräch, das sagte Vera nicht. Der Mann nahm ihre Hand und verkündete sie die ganze Nacht zu halten, Vera lachte kurz und ließ es geschehen. Der Mann war ein Kind für sie in diesem Moment, dem sie sich überlegen fühlte. Ich würde gehen, wenn ich könnte, dachte sie und bat den Mann trotzdem nicht um das selbige.
Jetzt aber will der Mann gehen, will das von sich aus oder will das, weil er weiß, dass Vera das will. Will vielleicht auch nicht gehen, will bleiben, will wissen, warum er hier ist, will die richtige Antwort auf die falschen Fragen oder die falschen Antworten auf die richtigen Fragen, will Vera doch noch küssen, nur einmal vielleicht, will dann vielleicht gehen, will es auch nicht, will Vera anblicken und wissen, das es alles lange vorbei, das es vielleicht nie begonnen hat, will wissen, dass das in Ordnung ist, in dieser Stadt und auch in jeder anderen.
Vera nimmt ihren Mantel vom Haken, sie zieht sich ein Paar Schuhe an, sie zieht sie wieder aus, sie zieht ein anderes an, sie schüttelt den Kopf, ohne dass es jemand sehen sollte. Der Mann beobachtet sie, es gibt nichts mehr zu sagen, es gab das auch gestern schon nicht mehr, aber jetzt ist es offiziell. Vera steht auf mit einem Ruck, sie steht vor dem Mann, vielleicht einen Tick zu nahe. Sie blickt den Mann an, sie denkt: wenn ich die erste bin, die zur Seite blickt, dann darfst du mich küssen. Doch dann dreht der Mann den Kopf, blickt aus dem Fenster und Vera ist erleichtert.
Was noch?
Eigentlich nicht viel. Und eigentlich alles.
Vielleicht aber auch nur das: An diesem Tag laufen schon zu Mittag die Mäuse quer durch die Fußgängerzone, ohne das Vera in diesem Moment davon weiß. Sie hat die Butter vergessen in den Kühlschrank zurück zustellen, wenn sie wieder nach Hause kommt, wird sie  ihren Finger darauf drücken, wird ihn ansehen und überlegen abzulecken. Wird es nicht tun. Wird ihn unter den Wasserhahn halten in einem Moment, in dem der Mann immer noch die gleichen Lippen hat wie vorletzten Sommer und sich immer weiter entfernt. Noch einen Schritt, noch eine Straße, noch ein Gefühl.
Dann ist es gut.

The mourning of my feet

My feet mourn different to the rest of the body. They become cold in summer and hot in the night. They hurt after two steps and don’t want to stop walking after a thousand. Sometimes their way of mourning reminds me of my knees. Also full of sorrow, full of holes and spots where the skin was hurt so often that it became numb. This is all not true for my heart and also not for my pinky finger, as well as for my right ear that likes these high pitch noises, which occur not only when everything is silent but even more often when two words collide and would make it rain, if they were clouds. On the contrary the left ear prefers the dull drum noises coming from the inside of me that make me wonder if there once was a time when I was a cave. No matter if this is the case or not I am pretty sure that somewhere between my lung and my liver, more to the left than the right part of the ribcage, one would find a boat, made of wood from a forrest far away.

A forrest where once I sat with my grandfather who will never remind me of my father.
Death still feels strange to my body. Though all parts of me, even the smallest one like the mole on my upper lip or five of my eyelashes think of it at least fourteen times a day. It follows me to the supermarket, it whispers in my ear at 2 in the morning, it takes the first sip of my morning coffee. Go away, I try to say, but instead i clinch to it, asking, mumbling, hysterically screaming that I want to understand. Death doesn’t seem to care. Maybe that is why my body denies it to feel at home. Not even between my shoulders, where I hardly ever look for it.

Nonetheless it would not be true to say that I and my body have no feeling towards death. In fact we have a lot of them. We both agree that it feels like a distant cousin that is even more horrible than all the stories we heard about him. It feels like a bowl of cereal for lunch. It feels like curtains outside the window that you can’t open  or the word musica in the middle of a german sentence. It feels familiar but far away. It tries to come close but makes you run away. It feels like writing in another language that I know good enough to communicate but not good enough to write texts without any mistake. It feels like all the mistakes. All of them at once.
It feels like this.

My feet agree. They are cold again. My elbows hurt. My eyes are itchy. My vertebrae sing a lullaby about a tree, about a deer, about three sailors far away from sea who sit in a bar in a town that I have never been to but expect to smell like cooked potatoes.

(Sometimes I really wish my body would teach me how to mourn.)

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Seit einer Woche suche ich nach Worten und Möglichkeiten. Ich schreibe Nachrichten, ich schreibe: Wie ist es am Meer? oder Can I come by in July and we’ll eat ice cream? oder Gestern im Wald, da dachte ich an dich. Ich schreibe einige Zeilen, manchmal einen Absatz, aber dann lösche ich alles wieder und bleibe stumm, denn der Satz, der mein Leben gerade beherrscht hat keinen Platz in diesen Schreiben, er klingt immer falsch und ist es aber nicht. Der Satz heißt: Mein Vater ist gestorben.
Und seit einer Woche ist er wahr.

Wenn ich den Satz doch sage oder schreibe, dann schlagen die Menschen oft ihre Hand vor den Mund oder schütteln den Kopf. Ich kenne diese Reaktion, sie war die meine vor sieben Tagen, die sich anfühlen wie sieben Jahrzehnte. In der Zwischenzeit ist soviel geschehen, dass ich diese Reaktion nicht mehr mit meiner Situation in Verbindung bringen kann, sie wirkt wie eine Nachricht aus längst vergangenen Zeiten, wie etwas von dem man mal gehört, es aber fast vergessen hat.    Wenn die Menschen dann so reagieren, dann erinnert es einen daran und man möchte nicht erinnert werden. Man möchte nie wieder in diesem Moment sein, in dem jemand sagt „Etwas schlimmes ist passiert“, man möchte auch nicht selber diejenige sein, die das sagen muss. Es ist der grässlichste Wissensvorsprung, es ist das dunkelste Geheimnis, ein solches, das man nicht haben möchte, das aber nicht ungeschehen wird, und welches man deswegen aussprechen muss, auch um es selbst zu begreifen.

An diesem Freitag vor dreihundert Sommern, als ich lernte, dass man innerhalb von sechs Stunden von Ludwigsburg in die niederösterreichische Provinz reisen kann, an dem ich mich kurze Zeit in der selben Stadt aufhielt, wie meine beste Freundin, es ihr aber nicht sagen konnte, da es nicht ihr Geburtstag war, der mich dort hingebracht hatte, sondern der Tod meines Vaters. An diesem Freitag, der sich witzlos auch noch der dreizehnte nannte, an diesem Freitag, an dem mein Bruder auf einem Musikfestival seine Matura feiern wollte während mein anderer Bruder bereits von der Schrecklichkeit des Tages wusste, da suchte ich beinahe ohne Unterlass nach Menschen, die es vielleicht noch nicht wüssten. Ich klammerte mich daran, jemanden zu finden, dem ich es sagen kann um es dadurch selber verstehen zu können. Ich dachte, wenn ich es ausspreche, diesen Satz, dann wird es wahr. Ich wählte schließlich eine Nummer. Ich ging dafür in das Zimmer meines Bruders, ich setzte mich an die Bettkante, ich stand wieder auf. Es läutete, eine Frau hob ab, sie verstand nicht gleich wer ich bin und ich legte ohne diesen Satz auch nur gedacht zu haben wieder auf. Ich sagte noch, ich rufe morgen nochmals an. Am nächsten Tag bereits hatte ich zuviel Angst davor.

Damals noch war es Angst vor mir selber, davor, dass ich keine Luft bekommen könnte oder etwas falsch verstanden haben könnte, dass ich, die ich ja nur die Tochter bin, die weit weg wohnt, gar nicht das Recht dazu habe, diese Nachricht zu überbringen. Mittlerweile hat sich die Angst gewandelt, sie ist anders geworden, sie ist eine Angst vor dem Moment an sich, davor, dass es einen zurück katapultiert, dass man die ganze Woche nochmals durchleben muss.

Also schreibe ich Nachrichten, heute Nachmittag zum Beispiel: Dear L., I hope your day was as lovely as you are and that we will see each other soon. What about next month? Our next meeting should include at least two bridges, a seagull and the word dromedary. Love, M. Das ist eine Nachricht, die ich ernst meine, die ich so senden möchte, aber es nicht tue, weil dieser Satz da nicht reingeht, in keiner Sprache macht er das. Nicht an den Anfang und nicht in die Mitte und auch nicht als PS. Dieser Satz, der mich so müde macht, dieser Satz von dem ich eine Pause möchte, dieser Satz der sich nie wieder ändern wird. Einen Satz, den man wenn dann nur schreiben kann, wenn man andere daran hängt. ( Zum Beispiel: Mein Vater ist gestorben. Er war 57 Jahre alt. Da stirbt man normalerweise nicht, ich weiß. oder Mein Vater ist gestorben. Sein Tod ist nur eines der vielen Dinge, die ich nicht an ihm verstehe. oder Mein Vater ist gestorben. Einfach so, an einem Morgen, an dem er eine halbe Stunde alleine zuhause war. ) Aber eigentlich auch dann nicht.

Wenn ich den Satz aber doch einmal schreibe oder in ein Telefon sage, dann fragen die Menschen, wie sie mir helfen können. Die letzten Tage, haben mich gelehrt, dass die physische Anwesenheit von Menschen eines dieser Dinge ist, die helfen. Vielleicht ist es auch das einzige das hilft. Knie, die man berühren kann, Hände, die man halten kann, Schlüsselbeine, die man nachfahren kann und Schultern, an die man sich lehnen kann. Und auch deswegen fällt es so schwer diesen Satz zu schreiben. Da das Schreiben an Menschen immer von ihrer Abwesenheit zeugt. Und weil Abwesenheit etwas ist, wovon es zuviel gibt in diesen Tagen, in denen wir anfangen von einem Menschen in der Vergangenheit zu reden, von dem wir noch vor kurzem dachten er hätte eine Zukunft. Ein Mensch der sich eine Laube in den Garten baute um dort auf den Herbst zu warten. Ein Mensch der ein Vater war, 30, 26 und 19 Jahre lang. Zählt man das zusammen ergibt das ein Alter in dem man vielleicht anfangen könnte über den Tod nachzudenken. Aber nicht mit 57. Nicht im Juni, nicht an einem Tag, an dem ich um sieben aufwachte, ein Glas Wasser trank und dann noch bis acht weiterschlief, ohne zu wissen, ohne zu spüren, ohne zu ahnen, was in dieser Stunde Realität geworden war. Beschissene, ungerechte, verdammte, scheiß Realität.
Anders kann man das nicht sagen.

David

Einmal vor einigen Jahren da haben David und ich im selben Haus gelebt. Ich wusste das, weil Anna gerade in den USA war und zwei Karten an die selbe Adresse schrieb. Ich wußte das nicht, weil David und ich uns gegenseitig besuchten. Das machten wir nämlich nie. Aber wir schlossen unsere Fahrräder im Hof aneinander und einmal erfuhr ich von David via Facebook dass die Leuchtreklame des Puffs gegenüber ausgefallen war. Ich weiß noch, wie ich aufstand und aus dem Küchenfenster blickte, und feststellte, dass er Recht hatte. Es war eine sehr penetrante Leuchtreklame und ich wunderte mich, dass ich es mir nicht selber aufgefallen war. Ich schrieb David, dass ich sehr froh sei, ihn im selben Haus zu wissen, jetzt müsse ich nicht mal mehr aus dem Fenster schauen und wisse dank ihm trotzdem Bescheid, was sich davor abspiele.
Das war bei Weitem nicht das einzige Mal, dass David mich auf Dinge aufmerksam machte, die sich direkt vor meinen Augen abspielten, die ich aber dennoch nicht wirklich wahrnahm. Im Prinzip machte er das bei jedem Konzert, auf dem ich ihn traf. Er tat dies mit seinen Worten, mit seinen Wortspielen, die mich oft beeindruckten und zum lachen brachten. Und er tat dies durch seine Fotos, die mich so oft tief berührten. David wie er ganz vorne stand und trotzdem nicht den Blick versperrte. David, wie er durch seine Kamera so viel mehr sah, als ich mit dem bloßen Auge. David, wie er nie zu laut war, aber auch nie zu leise. Wie es immer angenehm war in seiner Gegenwart zu sein und schade, wenn er bei Konzerten fehlte.

Von meinem Badezimmer aus konnte ich auf die Fenster seiner Wohnung sehen und wir sprachen darüber, dass ich ihm jedes Mal beim Zähne putzen zuwinken würde und die anderen Leute im Haus hinter vorgehaltener Hand über die verrückte Winkerin tuscheln würden und ich fand das eine sehr super Idee und machte es dann doch nie, aber ich vergaß es trotzdem nicht und als David dann tatsächlich zu mir in meine Wohnung kam, da waren meine Kisten bereits gepackt und wir trugen sie gemeinsam zum Auto und ich entschuldigte mich, dass ich nie beim Zähneputzen gewinkt hatte und David lachte und alles war ziemlich gut.

Ich erinnere mich auch noch an eine Nacht, in der ich ziemlich betrunken von einer Party auf der etwas damals herzbetreffend schlimmes passiert war, nachhause kam und bereits bevor ich die Haustür aufschloss wusste, dass ich jetzt unmöglich gleich ins Bett gehen könne. Diese Wohnung, dieses kleine Zimmer, die unbequeme Matratze, das tiefe Atmen meines Mitbewohners hinter der zweiten Tür, all das erschien mir zuviel. Ich ging in den Innenhof und setzte mich auf die Treppen, ich stand wieder auf und betrat das Hinterhaus. Die Sonne ging gerade auf, ich ging das schrecklich enge Stiegenhaus bis zu obersten Stock und wieder zurück. Ich wünschte mir, David besser zu kennen und dadurch die Erlaubnis zu haben, morgens um fünf bei ihm zu klopfen. Oder mutiger zu sein und auf solch eine gefühlte Erlaubnis zu pfeifen. Ich ging dann trotzdem schlafen. Ich dachte daran, ihm davon zu erzählen, ich habe es dann nie gemacht.

Ich sah David das letzte Mal im Frühjahr auf einem Konzert in einem Lokal, das wohl auch den Ort darstellt an dem wir uns am öftesten trafen. Wir sprachen nicht viel. David schien ein wenig durch den Wind zu sein, ich war das auch. Ich dachte mir nicht viel dabei, es würde beim nächsten Mal schon wieder anders sein. Tage später schrieb er mir von einer DVD-Box, die er mir gerne borgen würde.  Bei dem Konzert, das als Übergabe angedacht war, war er dann schon nicht mehr da.

Der Frühling ging vorbei, der Wind änderte sich. David verschwand. Es fiel mir, die ich mittlerweile 800km weit weg wohnte irgendwann im August auf. Ich war auf der Suche nach einer neuen Serie und erinnerte mich, dass David mir doch eben diese DVD Box versprochen hatte. Ich suchte nach der Nachricht auf Facebook, aber David war nicht mehr da. Sein Profil war gelöscht, seine Kommentare verschwunden. Was blieb waren Lücken. Lücken in der ellenlangen Konversation unter meinen Status über den Mann der sich eine Extrawurstsemmel mit 20dag Wurst gekauft hatte und dabei sehr glücklich aussah. Stundenlang hatten Anna, Carina, David und ich uns danach über Kindheitserinnerungen in der Feinkostabteilung, Annas erste Fertigpizza und warum Feta eines der besten Dinge der Welt sei unterhalten. Lücken in Konversationen über Ostern, über Maßstäbe, über Kindheitslieder und Castortransporte, die plötzlich alle keinen Sinn mehr machten.

Vielleicht kann man sich jetzt schon denken, worauf diese Geschichte hinausläuft. Ich konnte das nicht. Ich weiß noch, ich wunderte mich kurz, dass David verschwunden war, aber dachte dann nicht weiter drüber nach. Soviele Menschen hatten sich doch bei Facebook schon abgemeldet, sein Fotoblog war noch da, nicht mehr aktualisiert seit März, aber noch da. Das beruhigte mich. Und ich dachte, ich frage David halt das nächste Mal, wenn wir uns sehen. Und ich dachte, dass es jetzt ganz praktisch wäre im selben Haus zu wohnen, dann könnte ich vielleicht tatsächlich einfach klopfen, oder einen Zettel an sein Fahrrad kleben oder in den Briefkasten werfen.

Vor über einem Monat ist David gestorben. Er hat viele Fragen zurückgelassen und viel Trauer. Er hat Erinnerungen zurückgelassen. Erinnerungen an ihn, den schlacksigen David mit seiner analogen Kamera, der so schön lachte und so schön schwieg. David, der einmal mein Nachbar war und den ich nie zum Essen eingeladen habe. David mit seinem Fahrrad mit den bunten Aufklebern. David, der mehr Musik kannte, als jemals jemand sonst. David, der Computer reparieren konnte auch über hunderte Kilometer Entfernung. David, der Raumzeithypothesen aufstellte und im nächsten Satz über Käse sprach. David, der heute Geburtstag hätte und an den ich denke in einem Vorort von Stuttgart, in einer S-Bahn, Anna gegenüber. In einem Moment in dem dann alle anderen Worte fehlen und man den Konjunktiv so hasst, wie selten zuvor.

David, der fehlt.

Eine Insel ist eine Heimat ist eine Insel

Seit drei Wochen ist Henry tot. Ich fand ihn in der Scheune unweit des Hauses, er lag da so und anfangs dachte ich kurz, dass er nur schläft. „Henry“ sagte ich, „Henry, komm steh, auf, das Essen ist fertig.“ Aber Henry bewegte sich nicht, er reagierte nicht und bereits in diesem Augenblick wusste ich: Das wird nie wieder gut. Ich sagte noch: „Es gibt Lammeintopf, es gibt Bohnen dazu. Ich habe auch einen Kuchen gebacken.“ Aber ich dachte bereits: „All das gibt es zum letzten Mal, all das werde ich nie wieder kochen, nicht für mich alleine und niemals mehr für dich.“

Ich drehte mich dann um, ich ging zurück zum Haus, es waren 68 Schritte, ich zählte einen jeden. Ich setzte mich an den Küchentisch, ich stand wieder auf, ich nahm Henrys Teller und stellte es in die Spüle, ich setzte mich wieder an den Tisch, ich stand wieder auf, ich nahm Henrys Teller und stellte es in den Schrank. Ich stellte mich danach ans Fenster und beobachtete die Wolken, sie zogen vorbei, als wäre nichts geschehen und für einen Augenblick dachte ich, dem wäre auch so.

Liv kam vorbei. „Wo ist denn Henry?“ fragte sie. „In der Scheune“ antwortete ich und Live verstand wohl mehr als ich, sprang auf und rannte die 88 Schritte, denn ihre Beine sind kürzer als meine, rannte dorthin, schrie kurz auf, rannte aus der Scheune, blickte zum Fenster, hinter dem ich immer noch stand, blickte zu mir und ich blickte zurück, ich wiederholte „Das wird nie wieder gut.“ Liv konnte das nicht hören, aber das änderte nichts.

Zwei Tage lag Henry noch in dieser Scheune. Ich besuchte ihn manchmal. Ich setzte mich neben ihn und sagte, dass das Wetter und die Wellen sich beruhigt hätten, dass bestimmt bald ein Arzt vom Festland hier auftauchen würde, er wäre schon auf dem Weg. „Das ist nicht so schlimm, Henry“ sagte ich auch, „Das ist nicht so schlimm, an das Warten müssen wir uns jetzt gewöhnen. Das ist wie eine Probe, das schaffen wir schon.“ Danach verließ ich ihn wieder, ging zur Anlegestelle und starrte auf das Wasser, auf dem irgendwann ein Boot auftauchen sollte, und mit ihm ein Arzt und mit ihm die Einsicht, dass all das gerade wirklich passierte.

34 Stunden, nachdem ich Henry zum ersten Mal in der Scheune liegend sah, war das tatsächlich der Fall. Der Arzt schüttelte meine Hand, sie war weicher als meine, er blickte mir in die Augen und folgte mir ohne ein Wort zu sagen zunächst zu Henry, seufzte dort kurz und später in das Haus, wo er sich mir am Küchentisch gegenübersetzte und wieder seufzte, ein wenig zu lang. Das war wohl das Herz, meinte er und das Alter. Das war wohl der richtige Zeitpunkt, keine Schmerzen, kein Bewusstwerden dessen, was gerade passierte, keine Angst. Er füllte einen Zettel aus, während er das sagte und reichte ihn mir später. Einen Zettel, der bestätigt, dass Henry tot ist, dass wir ihn begraben dürfen, unweit der Kirche. Ich las ein jedes Wort genau, ich blickte zum Arzt. Ich sagte: „Jetzt ist es vorbei.“

Der Arzt verließ die Insel eine Stunde später, er zog seinen Hut, als das Schiff ablegte. Liv weinte und ich nahm ihre Hand. Wir gingen den kurzen Weg zum Friedhof, wo schon die anderen acht warteten. Wir nahmen die Schaufeln und gruben ein Loch. Robert hatte einen Sarg gezimmert, Mary hatte ein paar Blumen gesammelt, Keith läutete die Kirchenglocke und über den Hügel kamen langsam Albert, Thomas, Paul und Charles. Auf ihren Schultern diese Truhe, in ihr dieser Mann, der einmal sagte: „Diese Insel werde ich  nie wieder verlassen.“ Und der dabei nicht gelogen hatte und das vielleicht schon wusste.

Wir sangen ein Lied, wir sangen noch eines. Wir bekreuzigten uns und es begann zu regnen. Ich schüttelte dreizehn Hände, ich küsste acht Wangen, ich legte meinen Kopf an eine Schulter, ich tat das vier Sekunden, dann nickte ich kurz und die anderen taten es mir gleich. Die Menschen und ihre sechsundzwanzig Hände folgten mir den schmalen Weg zurück zum Haus und versammelten sich später in dieser Küche, die plötzlich nur noch die meine war. Sie tranken Tee, wir sprachen nicht viel. Irgendwann wurde es dunkel, irgendwann wurde es Nacht. Draussen brachen die Wellen an den Klippen, eine Möwe schrie.
Es dauerte noch drei Tage und auch Albert würde sterben, noch vier Monate und auch Paul war tot. Noch ein Jahr und Liv würde zurück aufs Festland kehren. Noch ein Jahr mehr und Ludmilla würde nicht mehr erwachen. Noch drei Jahreszeiten dazu und die Insel wäre nur noch eine Insel, wäre keine Heimat mehr und trotzdem immer noch da.

Das wussten wir noch nicht in dieser Nacht, in der das Sterben begann. Das ahnten wir vielleicht, auch am nächsten Morgen taten wir das noch. Da schien kurz die Sonne und die Männer fuhren zur See. ich kochte Tee und dachte an Henry, der hinter diesem Hügel lag, acht Monate länger als ich.

Rijeka

22

 

und dann damals im märz, da konnte man vom balkon im 11. stock aus den hafen sehen und eine stadt, die für die touristen immer nur auf dem weg liegt und es regnete manchmal und die menschen versteckten sich unter schirmen und wir spielten stadtlandfluss und morgens saß eine afrikanische familie und zwei chinesen mit uns alleine im frühstückssalon dieses hotels und wir musterten uns alle gegenseitig und die frage „warum seid ihr hier“ hing so laut in der luft, dass es schon lächerlich war sie zu stellen und deswegen stellte man sie nicht. dass das ganz schön schade ist so im nachhinein, das dachte ich oft, so zum beispiel an dem vorletzten abend in eben dieser stadt in der eine torpedofabrik steht, die einmal die einzige auf der welt war. da waren wir essen und zwei tische weiter fotografierten zwei fotografen teller mit sehr wenig essen, dazu standen sie auf stühlen und draussen rauschte ein bach vorbei, direkt ins meer machte er das. wir aßen lokale spezialitäten, wir tranken wein und den wir einen sommer zuvor getrunken hatten, als soviel noch eine möglichkeit war und dann schlenderten wir nachhause, dieses wort wähle ich mit bedacht, in dieses einsame hotel in dieses einsame stockwerk, viel zu weit oben. und morgens regnete es schon wieder und die menschen liefen wieder versteckt die treppen hinunter und ich sagte „schau“ und machte dieses foto. vielleicht war es auch andersrum.

Ich hoffe, ihr verzeiht

Das meiste, dass ich euch erzähle, ist gelogen. Nie erreichte ich Grönland an einem Dienstag und saß zwei Stunden später an einem Feuer, das wärmte wie keines davor. Auch ist der Boden in der Wohnung in der ich gerade sitze nicht weiß und in keiner seiner Ecken ist eine geheime Nachricht versteckt, die ich schrieb, da habt ihr bereits alle geschlafen. Die Teekanne ist nicht immer voll mit Minztee. Kein Pferd gibt es, dessen Wiehern so klingt, als würde es bis fünf zählen. Mein erster Albtraum handelte nicht von Brei, mein letzter nicht von Riesenschlümpfen. Ich erinnere mich an keine Fahrt mit einem Feuerwehrauto bis weit hinein in den Sonnenuntergang und der Schaffner letztens in der Bahn, er hatte keine einzige Rose dabei und schenkte nicht nur deswegen keine an meine Sitznachbarin, die also Folge dessen auch nicht aufstand und ihn auf die Wange küsste, keine dreimal. Ich lernte nicht zuerst schnipsen mit der linken Hand, ich wandelte nie im Schlaf bis ans Ende der Hauptstraße. Als mich einmal ein russischer Mann an einer roten Ampel ansprach, waren die drei russischen Worte die ich spreche in Wirklichkeit nicht von Nutzen. Meine Katze freundete sich nicht mit dem Kuckucksküken an, dass an einem Sommertag vor ihre Füße fiel. Nie unterschrieb ich mit falschen Namen auf einem Gips. Ich erinnere mich nicht an die letzte Sternschnuppe die ich sah. Ich wünschte mir bestimmt nichts, dass mit dem Meer zu tun hatte. Die alten Menschen gegenüber küssen sich abends nicht am offenen Fenster. Auch entdeckte ich keinen Silberschatz. Kein Junge aus Tschechien fand meinen an einen Luftballon befestigten Brief und wir trafen uns nicht inmitten eines Maisfeldes. Brombeeren lösen keine allergische Reaktion bei all meinen Familienmitgliedern aus, auch nicht bei einzelnen. Und gestern aß ich keine Kugel Pistazieneis. Auch nicht zwei.

Ich hoffe, ihr verzeiht.

Vor Monaten

Heute wollte ich mir ein Nachthemd kaufen. Ein weißes Nachthemd, das über die Knie geht, aus Baumwolle. Der Wunsch das zu tun kam plötzlich.  bei genauerer Betrachtung allerdings, war er mir nicht unbekannt, auch vor ein paar Wochen wünschte ich mir das schon. Da sprach ich mit V. darüber, wann eigentlich der Zeitpunkt kam, an dem man aufhörte richtige Pyjamas zu tragen. Ich weiß es bis heute nicht genau, ich weiß aber, dass ich vor über vier Jahren in Kopenhagen schlafen ging, nachdem ich mir die Wiederholung des olympischen Segelrennens auf dänisch angeschaut hatte, bei dem das dänische Team im kroatischen Boot gewann. Das Wetter war so schlecht, dass der Bildschirm meist nur grau war, ab und an blitzte ein Boot auf, das dann auf und ab wippte. Ich sah mir das fast eine Stunde an, es war mitten in der Nacht, ich verstand kein Wort, obwohl ich mir seit Tagen einbildete dänisch wäre eine seltsame Mischung aus Deutsch und Englisch und gar nicht so schwer, das sagte ich auch zu einem jungen Paar, dem ich beim Umzug half, da Grete nichts mehr tragen durfte, da das Baby im Bauch sonst zuoft strampelte. Jedenfalls schaute ich mir die Wiederholung einer olympischen Disziplin, die mich nie zuvor und nie danach interessierte, in einer Sprache, die ich nie zuvor und nie danach sprach, mitten in einer Stadt in der ich nie zuvor und nie danach war an und saß dabei auf einer Matratze in einem Zimmer, in dem eine Stehlampe stand, die das damals in jedem zweiten Studentenzimmer auf dem gesamten Kontinent stand. Es war das Jahr der Urlaube, die nur mir gehörten, ich entdeckte das Alleinereisen für mich, es war etwas von dem ich mir einbildete, es lernen zu müssen, aber es fühlte sich dann immer ein wenig an wie ein zu großer Schuh. Ich gab trotzdem nicht auf und reiste weiter, einmal, da war dann schon Winter, da saß ich vor einem großen Aquarium, weit im Westen, in dem ein Mondfisch schwamm, den ich nach wie vor für den schönsten der Welt halte und schlief ein.
Seit diesem Moment bin ich geheilt. Ich reise manchmal immer noch alleine, aber nicht um mir etwas zu beweisen, sondern um mir etwas zu gönnen. Ich wünschte manchmal, ich hätte das früher begriffen.

Dänemark hätte eine Ausnahme sein sollen, dort wollte ich C. besuchen, der damals in einem Architekturbüro dort arbeitete und mich eingeladen hatte, aber wenige Tage zuvor stellte er fest, dass er die Wochenenden verwechselt hatte und just an dem Wochenende, für das ich meinen Flug gebucht hatte außerhalb der Stadt war. Als ich also in Kopenhagen ankam, wartete da kein C. auf mich, dafür aber ein Rad, das man fuhr wie eine Harley Davidson und dass der polnische Mitbewohner von A. „rad“ nannte, woraufhin ich einen Wortwitz machte, den niemand verstand außer mir. Ich fuhr also ein weiteres Mal alleine durch eine Stadt die ich nicht kannte und wunderte mich abwechselnd über Dinge und über mich. Ich sah die Meerjungfrau, ich ließ mir von einem Mann erzählen, der seine Küche mit Sand aufgeschüttet hatte, ich trank Bier in einem Aufzug, ich fuhr von dort nach da, ich fotografierte die Stehlampe, ich half bei einem Umzug, ich assistierte bei einem Filmdreh. Ich machte ein Foto von einem Baum vor einem Haus, ich fror nachts im Hafen, ich schlug die letzte Klappe, ich flog dann auch schon wieder zurück und hatte kein Stück Lakritze gegessen.
Jedenfalls in der Nacht in der ich mit A. die Wiederholung dieses Sportereignisses anschaute, da trug ich einen Pyjama, einen richtigen, den ich sehr mochte und A. sagte: I never met anyone at our age who does that.
Ich weiß nicht, aber vielleicht habe ich danach auch damit aufgehört. Ich hoffe dem war nicht so, ich möchte nicht, dass mich ein Satz ohne viel Bedeutung so beeinflussen kann, aber vielleicht war es so, wer kann das schon sagen, viereinhalb Jahre später, in einer anderen Jahreszeit, an einem Tag, an dem die nächsten olympischen Spiele noch weit weg erscheinen. Das letzte Mal sah ich einen olympischen Wettbewerb diesen Sommer im Wartezimmer meines Internisten, gemeinsam mit einem iranischen Ehepaar. Es war ein Turnwettbewerb der Frauen, später eine Zusammenfassung des 100m Schwimmens und einer Laufdisziplin, die vielleicht auch solang war, vielleicht aber länger. „Sie haben ein wunderschönes Herz“ sagte der Arzt nur wenige Minuten später, da drückte er mir gerade ein kaltes gegen die Brust und auf den anderen Monitor auf den ich mittlerweile starrte, war etwas pumpendes zu sehen, das hektisch war und mir gehörte. Seit dem Tag stelle ich mir den Beruf des Internisten nicht mehr ganz so schlimm vor, wie bis dahin. Schließlich dürfen sie solche Sätze zu wildfremden Menschen sagen und sie dabei noch wortwörtlich so meinen.
Wortwörtlich. Tagtäglich. Gibt es mehr solcher Wörter und wenn ja, wie heißen sie?
Egal. Ich wollte heute ein Nachthemd kaufen. Ein weißes, aus Baumwolle. Gerne mit einem Ansatz von Ärmeln, gerne über die Knie. Aber es gibt soetwas nicht. Als ich die Verkäuferin danach fragte, starrte sie mich kurz an und sagte dann: danach gibt es heutzutage keine Nachfrage mehr. Ich halte das für eine Fehleinschätzung, aber behielt diese Meinung für mich und kaufte stattdessen ein Rosinenbrötchen, das ich schon gegessen hatte, da war der Marktplatz gerade überquert und vor mir lag der Kaffeeberg, den ich hinunterging. Auf der anderen Seite des Parks brannte in 27 Fenstern der Klink Licht, vielleicht waren es auch 28. 29. 30. Ich zählte sie in einer Hast, die ich zuhause bereute. Ich weiß auch nicht warum.

KSEVT und ein Mann der sich Noordung nannte

Alle zwei Monate machen sich zwei Kosmonauten auf den Weg von Moskau in ein kleines verschlafenes Dorf in Slowenien um einen Weltraumanzug zu putzen. Der hängt dort nämlich in einem Gebäude das rund und schief ist, das einfach so in einem kleinen Ort am Ende der Karawanken steht. Der hängt da seit September und macht das noch einige Monate, dann kommen die Russen ein weiteres Mal und nehmen ihn mit, weil es ins All gehen soll und solche Anzüge so teuer sind, dass man sie nicht einfach einem Museum schenken kann, nur leihen, ja das geht, wenn gut darauf acht gegeben wird, wenn es in Ordnung ist, dass zwei Männer alle 60 Tage mit Schrubber und Lösungsmittel dastehen, den Anzug abhängen, ihn in einen kleinen verglasten Raum tragen und ihn solange reinigen, bis die letzten Spuren der vorangegangen Monate beseitigt sind. Die Kosmonauten gehen danach über die Straße, dort gibt es ein Haus in dem ein Zimmer für sie hergerichtet wurde, sie machen lustige Witze und geben den Wodka den sie ein jedesmal mitnehmen in die Runde, die aus anderen Leuten besteht, die noch öfters an diesen Ort kommen, in dem einmal eine Frau geboren wurde, die einen Namen wie eine Katze hatte und später Mutter eines Sohnes wurde, der auf den Namen Herman „Noordung“ Potočnik hörte, sich für das All interessierte und die erste Weltraumstation entworfen hat, aber bereits starb, als die erste Reise ins Weltall noch vielmehr wie ein Hirngespinst klang, als wie etwas, das tatsächlich einmal stattfinden könnte.

Das war nun ein sehr langer Satz.
Was ich eigentlich nur sagen möchte: Es gibt einen Ort in Slowenien, der heißt Vitanje. Es gab einen Mann, der hieß Herman Potočnik. Und als der Mann noch Kind war, da spielte er öfters auf den Wiesen, die ein Jahrhundert später ein Gebäude umranden, das nach seinem Entwurf für eine Raumstation gebaut wurde, die es so dann nie gab.
Das Gebäude nennt sich KSEVT – www.ksevt.eu – und es eignet sich hervorragend für Besuche an verschneiten Märztagen, bestimmt aber auch für solche an sonnigen Julitagen oder welche dazwischen. Es hängen dort Bilder und Skizzen und Anzüge, es arbeiten dort Menschen, die sich wirklich über Besucher freuen. Das machen bestimmt auch die zwei Kosmonauten, die bereits nächste Woche wieder ihre Sachen packen um das Gebäude, das zur Erinnerung an einen Weltraumtheoretiker gebaut wurde, wieder aufzusuchen. Wegen dem Anzug machen sie das. Aber das habe ich bereits erwähnt.

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